Michael Schachermaier

Michael
Schachermaier

„Sich mit so einem literarischen Monster auseinandersetzen“ –  
Im Gespräch mit dem Autor und Regisseur Michael Schachermaier

Lieber Michael, du hast in den vergangenen Jahren mit „20 000 Meilen unter dem Meer“ und „Gullivers Reisen“ bereits große Stoffe der Weltliteratur auf die Bühne gebracht – was hat dich daran interessiert/gereizt „Frankenstein“ zu adaptieren? Das war ja nicht deine erste Beschäftigung mit dieser Geschichte …

Diese „großen Stoffe“ und Romane laden immer dazu ein, für die Bühne ein Destillat zu schaffen. Man darf hier – oftmals noch mehr als bei einem „Stück von der Stange“ – einen stärkeren eigenen künstlerischen Zugang suchen. Bei „20 000 Meilen“ war es die abenteuerliche Reise eines jungen, anfangs ängstlichen Menschen, der eine starke Entwicklung durchmacht, zu einer gereiften Persönlichkeit, bei „Gulliver“ ging es um die Kraft der Phantasie und ihre Schattenseiten und bei „Frankenstein“ hat sich die Frage nach Verantwortung und schöpferischer Kraft in den Vordergrund gedrängt. Für mich ist das eine spannende Trilogie der großen Werke, die ich auf die Bühne des Next Liberty bringen konnte, eine insgesamt runde Angelegenheit für die Altersgruppe 12+. „Frankenstein“ war darüber hinaus bei den Bad Hersfelder Festspielen vor langer Zeit meine erste Regiearbeit an sich, deshalb ist mir der Stoff nahe und vertraut, gleichzeitig fand ich es spannend, den Roman nochmals anders beleuchten und erobern zu dürfen.

Bereits kurz nach der (zunächst anonymen) Veröffentlichung von „Frankenstein“ im Jahr 1818 entstanden erste Adaptionen, Bühnenbearbeitungen, Verfilmungen etc., die mit der eigentlichen Romanhandlung nur mehr in Grundzügen übereinstimmten, und auch die interessante Entstehungsgeschichte bzw. die Autorin Mary Shelley ist heute kaum mehr präsent. Der Stücktitel „Mary Shelleys Frankenstein“ impliziert ja bereits, dass in dieser Bearbeitung auch die Autorin eine Rolle spielt – wie ist die Idee entstanden, diese Geschichte von Schöpfer und Geschöpf nicht ganz „klassisch“ nachzuerzählen, sondern sie noch um die der Autorinnenperspektive zu erweitern? Und: Welche (neuen) spielerischen und erzählerischen Möglichkeiten gingen mit dieser Entscheidung einher?

Für dermaßen große Erzählungen braucht es immer einen Anker, einen Dreh- und Angelpunkt des Interesses. Hier hat es sich für mich (und meine Mit-Autorin Dagmar Stehring) quasi aufgedrängt, eine so spannende Persönlichkeit wie die Autorin in den Vordergrund zu stellen, ihrer Biografie nachzuspüren und sie als „künstlerische Startrampe“ für diese Arbeit zu sehen. Gleichzeitig wurde diese Figur immer zentraler in der Beschäftigung, die Idee hat sich von Mal zu Mal richtiger angefühlt und diese Figur wurde immer lebendiger, was sich gerade in so einer Geschichte auch in mehrfacher Hinsicht eingelöst hat. Ich glaube, es ist uns gelungen, mit Mary Shelley ein Fenster in diesen Abend zu schaffen, das sich nicht auf eine reine „Rahmenhandlung“ beschränkt, sondern einen Ein- und Ausblick in die Gedankenwelt einer kreativen und intelligenten Frau ermöglicht, der es gelungen ist, den ersten Science-Fiction-Roman der Literaturgeschichte zur Welt zu bringen.

Die Geschichte um „Frankenstein“ gilt bis heute als zeitlos und wird meist als frühe Kritik an (zu) ehrgeizigen Bestrebungen in Wissenschaft und Forschung gelesen – bei genauerer Beschäftigung mit dem Roman entdeckt man, wie viele (u. a. moralische) Fragen und große Themen darin tatsächlich aufgegriffen werden, u. a.: Wie geht man mit Verantwortung um? Welche Konsequenzen hat mein Handeln? Bis zu welchem Punkt habe ich überhaupt Einfluss auf die Auswirkungen? Wohin führen mich meine eigenen hohen Ansprüche (egal, in welchem Bereich) und wie weit bin ich bereit, dafür zu gehen? Was ist wichtiger: Das Wohl der Gemeinschaft oder mein persönliches Glück? Inwiefern wird ein Mensch durch seine Erfahrungen positiv/negativ geprägt? Und und und … Was war euch besonders wichtig, für diese Dramatisierung herauszuarbeiten?

Der Roman hat klar die Richtung vorgeben, die Erzählstruktur, das Szenario, den Ablauf. Gleichzeitig ist im Probenprozess – u. a. auch durch die Verbindung und die Arbeit mit dem Ensemble – die Geschichte gewachsen, hat sich verändert, teilweise auch für uns verselbstständigt. Das ist/war eine Beschäftigung, die für alle Beteiligten wahnsinnig fordernd, aber auch wunderschön und spannend ist. Das ist bei der Arbeit an einer Uraufführung Fluch und Freude zugleich, die Geschichte wächst, schlägt Haken, wehrt sich, fordert ein und überrascht auch immer wieder. Wir wussten, dass uns der Dualismus massiv interessiert, die Verbindung zwischen Schöpfer und Geschöpf, die Autorin, die ihrer literarischen Schöpfung Victor Frankenstein gegenübersteht, der wiederum seiner „realen“ Schöpfung begegnet. Daraus ist eine Geschichte über Spiegelung und Verantwortung bzw. den Umgang mit Verantwortung geworden, die sich immer mehr zuspitzt.

Und: Wie bleiben bei so vielen ernsten Fragenstellungen und Dilemmata der Humor bzw. die Spannung nicht auf der Strecke?

Trotz Spannung muss dieser Abend auch Lust machen, sich mit so einem literarischen Monster auseinanderzusetzen, hier darf auch der Humor, die Ironie nicht zu kurz kommen. So etwas lässt sich beim Schreiben kaum planen oder konkret vorhersehen, hier hilft eine fruchtbare, angenehme Probenatmosphäre, die die SchauspielerInnen dazu einlädt, sich auszuprobieren, ein Schwungrad an Ideen zu drehen – das ist dann doppelt schön, wenn man sich auf der Bühne wie auch im Zuschauerraum auch einmal amüsieren darf … Ironie passiert, würde ich sagen. 

Da du ja als Autor UND Regisseur an dieser Produktion beteiligt bist, ist natürlich auch interessant, welche besonderen Herausforderung die Umsetzung eines solchen Stoffes auf der Bühne mit sich bringt: Frankensteins Kreatur, das „Monster“, zählt wohl zu den bekanntesten Vertretern des Horror- und Schauergenres und ist geprägt von zahlreichen Bildern aus Filmen, Comics, Serien usw. Wie geht man in diesem Zusammenhang mit der Erwartungshaltung um? Inwiefern hat dich/euch das bei den künstlerischen bzw. ästhetischen Entscheidungen beeinflusst?

Die Erwartungshaltung ist für mich ein zentraler Aspekt. Bei solchen Stoffen kommt der Zuschauer auch mit der Frage „Wie machen die das?“ ins Theater und hat von Anfang an klare Bilder im Kopf. Ich würde sagen: Mutig auf so einen Stoff los, eigene Ideen haben, ihnen nachspüren und vertrauen, anders geht das nicht, sonst bleibt man immer hinter Kino, Film und Pop-Kultur zurück.

Ihr habt euch auch bewusst dafür entschieden, die Geschichte (auch in Bezug auf Ausstattung) in der Entstehungszeit des Romans zu belassen und sie nicht in eine „modernes“ Setting zu versetzen – was waren die Überlegungen dazu?

Dadurch bleibt in gewisser Weise der Zauber der Vorlage erhalten, man kann sich auf die zeitlose Geschichte konzentrieren und kommt nicht in die Bedrängnis, platte Modernisierungen vornehmen zu müssen. Natürlich kann man das auch im Hier und Jetzt spielen, diesen künstlichen Zugang möchte ich niemandem absprechen – ich persönlich mag aber Zeitreisen am Theater und lasse mich gerne in andere Universen entführen und mitnehmen. Das Hier und Jetzt habe ich ja sowieso andauernd, also warum sich nicht mitnehmen und verzaubern lassen? Ganz frei nach dem Spruch: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo“.

Schon bei „Gullivers Reisen“ wurden die SchauspielerInnen mit Mitteln des Figuren- und Objekttheaters (und u. a. durch das professionelle Coaching von Puppenspieler Manfredi Siragusa) bei der Darstellung phantastischer Figuren und Welten unterstützt – wie war es bei dieser Produktion? War von Anfang an geplant, sich dem „unbeschreiblichen Grauen“, das da geschaffen wird, auf diese Weise zu nähern? Wie kann man sich den Entscheidungs- bzw. Entwicklungsprozess dabei vorstellen?

Für diesen Stoff hat es sich aufgedrängt, ist es fast unabdingbar mit Figurentheater-Mitteln zu arbeiten, denn: Will man wirklich einen Schauspieler in einem Monster-Kostüm sehen? Wir arbeiten dadurch mit ureigenen Theatermitteln, der Behauptung, der Freude an Spiel und Verwandlung, verschleiern nichts, sondern gehen offen damit um, dass bzw. wie etwas entsteht und gemacht wird, das fand ich für „Frankenstein“ genau richtig. Darüber hinaus ist es Puppen möglich, zu morden, zu sterben, sich neu zusammenzusetzen – das schaffen SchauspielerInnen ja nur begrenzt …

Das bin ich!

That is me

Mehr Details

Michael Schachermaier wurde 1982 geboren und studierte in Wien Theater- und Kulturwissenschaft / Cultural Studies. Während des Studiums arbeitete er in diversen Sparten im Kulturbereich, u.a. am Austrian Cultural Forum New York, sowie für verschiedene Festivals und Theater, vorwiegend als Regieassistent, sowie als Produktionsleiter für die Salzburger Festspiele.

Für die Bad Hersfelder Festspiele brachte er mit "Frankensteins Monster", "Der gefesselte Prometheus" und "Ronja Räubertochter" erstmals eigene Inszenierungen auf die Bühne.

Von 2009 bis 2011 war Michael Schachermaier am Burgtheater tätig, zuerst als Regieassistent, unter anderem bei Andrea Breth, Matthias Hartmann, Christoph Schlingensief und Alvis Hermanis anschließend als Regisseur, hier inszenierte er im Vestibül die Uraufführung von "Getränk Hoffnung" von David Lindemann, sowie im Burgtheater "Fool of Love - Shakespeare Sonette" und zum Beginn der Spielzeit 2012/13 "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" von Ferdinand Raimund.

Michael Schachermaier inszenierte darüber hinaus am Volkstheater Wien, Landestheater Linz,Landestheater Salzburg, Theater Oberhausen, Schauspielhaus Salzburg, am Theater der Jugend in Wien, sowie am Stadttheater Klagenfurt, wo er die Oper „Die Entführung aus dem Serail" auf die Bühne brachte.

Am Nextliberty Theater Graz befasste er sich mit Jules Vernes „20 000 Meilen unter dem Meer", „Gullivers Reisen" und „Mary Shelleys Frankenstein" jeweils mit großen Roman-Adaptionen, die er in eigenen Stückfassungen für ein junges Publikum adaptierte.